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ADHS und Konflikte in der Beziehung: Warum Paartherapie und Paarberatung ADHS mitdenken sollten

23. Okt.
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag


Ein Paar sitzt eng beieinander auf dem Sofa, lächelt und schaut sich zugewandt an.


Ihr habt schon viel über eure Konflikte gesprochen und trotzdem streitet ihr immer wieder über dieselben Dinge? Manchmal liegt das nicht an mangelndem Willen, sondern daran, dass eure Lösungen im Alltag nicht funktionieren. ADHS kann die Umsetzung gemeinsamer Vereinbarungen erschweren, beispielsweise durch Schwierigkeiten mit Planung, Arbeitsgedächtnis oder Kontextwechseln. ADHS-sensible Paarberatung berücksichtigt deshalb nicht nur eure Beziehungsmuster, sondern auch eure individuellen Voraussetzungen im Alltag. Das Ziel sind Lösungen, die nicht nur im Beratungsgespräch gut klingen, sondern für euch beide funktionieren.



Eigentlich hatten wir das doch besprochen …


Tilly und Luca* wünschen sich mehr gemeinsame Zeit. In ihrer Paarberatung haben sie deshalb vereinbart, sich einmal pro Woche bewusst einen Abend füreinander freizuhalten. Ohne Handy, ohne Haushalt und ohne die vielen Dinge, die sonst dazwischenkommen.

Eine gute Idee, finden beide. Und eigentlich freuen sie sich auch darauf.


Doch dann kommt der Alltag dazwischen. Tilly hat ADHS und verliert die Planung des gemeinsamen Abends wiederholt aus dem Blick. Luca erinnert sie daran. Mit der Zeit wird er zunehmend enttäuscht.


Schließlich hatten die beiden doch darüber gesprochen, wie wichtig ihnen gemeinsame Zeit ist. Sie hatten sogar eine Lösung gefunden. Warum funktioniert es trotzdem nicht?

Plötzlich streiten sie wieder über ein Thema, von dem sie eigentlich dachten, dass sie bereits einen Schritt weitergekommen wären.


Kommt euch das bekannt vor? Ihr habt euch etwas vorgenommen, gute Gespräche geführt und vielleicht sogar gemeinsam einen Plan gemacht. Doch ein paar Wochen später stellt ihr fest, dass sich eigentlich nicht viel verändert hat.


Warum bei ADHS Absicht und Wirkung im Beziehungsalltag manchmal weit auseinanderliegen, habe ich in meinem Artikel „ADHS in der Partnerschaft: Warum Absicht und Wirkung im Alltag so oft auseinanderliegen“ beschrieben.

Hier möchte ich einen Schritt weitergehen. Denn was bedeutet das eigentlich für Paartherapie und Paarberatung?



Ein Paar sitzt nebeneinander und schaut gemeinsam auf einen Laptop

Photo by Vitaly Gariev on Unsplash


Warum gute Vorsätze manchmal nicht ausreichen

In der Paartherapie oder Paarberatung geht es unter anderem darum, festgefahrene Muster zu erkennen, einander besser zu verstehen und neue Wege miteinander zu finden. Häufig entwickeln Paare dabei gemeinsam Ideen, wie sie ihren Alltag oder ihre Kommunikation verändern möchten.


Das ist wichtig. Aber gerade wenn ADHS eine Rolle spielt, gibt es etwas, das wir nicht übersehen sollten:


Eine gute Vereinbarung zu treffen und sie anschließend im Alltag umzusetzen, sind manchmal zwei ganz unterschiedliche Herausforderungen.

Denn ADHS kann unter anderem beeinflussen, wie Menschen planen, Prioritäten setzen, Informationen im Arbeitsgedächtnis behalten oder mit Kontextwechseln umgehen.

Vielleicht habt ihr euch vorgenommen, einmal pro Woche ein ausführlicheres Gespräch miteinander zu führen. Oder mehr gemeinsame Zeit einzuplanen. Im Beratungsgespräch klingt das sinnvoll, beide sind einverstanden und möchten es ausprobieren.


Doch dann ist die Woche voll, irgendetwas kommt dazwischen oder die Vereinbarung gerät schlicht aus dem Blick. Und irgendwann sitzt ihr wieder da und fragt euch, warum es schon wieder nicht geklappt hat.


Für die eine Person fühlt sich das möglicherweise so an, als wären die eigenen Bedürfnisse nicht wichtig genug. Die andere ärgert sich über sich selbst und hat das Gefühl, trotz aller Bemühungen wieder gescheitert zu sein.


Dabei fehlt es vielleicht gar nicht am Wunsch, etwas zu verändern. Sondern an einer Lösung, die unter den individuellen Voraussetzungen beider tatsächlich funktioniert.


Und was bedeutet das für Paartherapie und Paarberatung?


Wenn ADHS in einer Beziehung eine Rolle spielt, reicht es deshalb manchmal nicht aus, Konflikte besser zu verstehen oder neue Vereinbarungen zu treffen. Es lohnt sich in einer ADHS Paartherapie oder einer ADHS-sensiblen Paarberatung, genauer hinzuschauen, warum eine Veränderung im Alltag nicht gelingt und welche Unterstützung dafür hilfreich sein könnte.


Dieser Gedanke findet sich auch in der Fachliteratur. Die Autorin Gina Pera und der Psychologe Arthur Robin beschreiben in ihrem Buch Adult ADHD-Focused Couple Therapy, wie sich bewährte Ansätze der Paararbeit um ADHS-spezifische Strategien ergänzen lassen. Auch eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Wymbs und Kolleg (2021) empfiehlt, Paararbeit mit Strategien aus dem Umgang mit ADHS zu verbinden.


Das bedeutet nicht, dass herkömmliche Paartherapie oder Paarberatung ungeeignet ist. Vielmehr geht es darum, zusätzliche Faktoren zu berücksichtigen, die sonst möglicherweise übersehen werden.


Denn es reicht nicht, zu verstehen, was sich verändern soll. Entscheidend ist auch, wie diese Veränderung für euch beide gelingen kann.



Was macht ADHS-sensible Paarberatung anders?


Jedes Paar bringt seine eigene Geschichte mit. Unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse, Herausforderungen und einen ganz eigenen Alltag. Wenn ADHS hinzukommt, lohnt es sich, auch die damit verbundenen individuellen Schwierigkeiten und Bedürfnisse in den Blick zu nehmen.


Es gibt schließlich nicht den einen Fahrplan, der für alle Paare funktioniert.

Natürlich berücksichtigt auch ADHS-sensible Paarberatung, welche Muster sich zwischen zwei Menschen entwickelt haben. Warum ein Gespräch immer wieder im Streit endet. Was sich beide eigentlich wünschen und was beim Gegenüber ankommt.

Doch dabei bleibt es nicht.


Nicht nur: Was ist passiert? Sondern auch: Was war vorher los?


Stellt euch vor, ihr habt euch vorgenommen, wichtige Dinge künftig in Ruhe miteinander zu besprechen. Trotzdem endet das nächste Gespräch wieder im Streit.


Dann lohnt sich ein genauerer Blick auf die Situation. War es vielleicht schon spät am Abend? Hatte eine Person einen besonders anstrengenden Tag? Gab es viele Unterbrechungen, Zeitdruck oder kaum Gelegenheit, zwischendurch zur Ruhe zu kommen?

Bei ADHS können solche Umstände besonders relevant sein. Beispielsweise dann, wenn Reize und Anforderungen bereits viel Energie gekostet haben oder der Wechsel von einer intensiven Tätigkeit in ein Beziehungsgespräch schwerfällt.


Die Frage ist also nicht nur, was zwischen euch passiert, sondern auch, unter welchen Bedingungen es passiert.


Diese Perspektive kann helfen, wiederkehrende Konflikte besser einzuordnen und gemeinsam herauszufinden, was ihr braucht, damit Gespräche und Vereinbarungen im Alltag besser gelingen.


Zurück zu Tilly und Luca


Für Tilly und Luca würde es zu kurz greifen, einfach noch einmal zu vereinbaren, dass Tilly künftig die gemeinsamen Abende organisiert.


Viel hilfreicher wäre es, sich gemeinsam anzuschauen, woran die bisherige Vereinbarung scheitert. Was macht es Tilly schwer, die Planung im Blick zu behalten? Welche Form der Erinnerung würde ihr helfen? Und wie können die beiden ihre gemeinsame Zeit so organisieren, dass Luca nicht dauerhaft die Verantwortung für das Erinnern übernehmen muss?


Dabei geht es aber nicht nur um Organisation.


Denn für Luca ist die gemeinsame Zeit vielleicht auch ein Ausdruck von Nähe und Wertschätzung. Und Tilly wünscht sich möglicherweise, dass ihre Schwierigkeiten nicht automatisch als mangelndes Interesse verstanden werden.

Beides hat Platz in der Beratung.


ADHS-sensible Paarberatung verbindet deshalb die Arbeit an euren Gefühlen, Bedürfnissen und Beziehungsmustern mit Strategien, die zu eurem Alltag passen.


Das bedeutet nicht, dass ADHS jedes Verhalten entschuldigt oder eine Person dauerhaft mehr Verständnis aufbringen muss. Die Bedürfnisse und Grenzen beider Partner zählen. Und beide tragen Verantwortung dafür, wie sie miteinander umgehen.


Zwei Dinge, die ihr selbst ausprobieren könnt


Vielleicht möchtet ihr nicht erst bis zum nächsten Streit warten, um etwas zu verändern. Dann habe ich zwei Impulse für euch, mit denen ihr euren Alltag einmal aus einer anderen Perspektive betrachten könnt.




1. Funktionieren eure Vereinbarungen wirklich im Alltag?

Vielleicht habt ihr schon öfter etwas besprochen, euch auf eine Lösung geeinigt und später festgestellt, dass ihr wieder am gleichen Punkt steht.


Mein Vorschlag: Nehmt euch in einem ruhigen Moment eine eurer bisherigen Vereinbarungen vor. Nicht, um gegeneinander aufzurechnen, wer sich woran nicht gehalten hat. Sondern um gemeinsam herauszufinden, was bisher nicht funktioniert.


Schaut dabei auf vier Fragen:


  • Ist unsere Vereinbarung konkret genug? Wissen wir beide, was passieren soll und wer welche Verantwortung übernimmt?

  • Wo halten wir sie fest? Ist die Absprache leicht wiederzufinden oder existiert sie nur in unseren Köpfen?

  • Wie werden wir daran erinnert? Gibt es eine passende Erinnerung, ohne dass eine Person ständig nachfragen muss?

  • Was passiert, wenn es nicht klappt? Können wir unsere Vereinbarung anpassen, ohne direkt wieder in alte Vorwürfe zu geraten?


Gerade bei ADHS kann es hilfreich sein, wichtige Informationen nicht ausschließlich im Kopf behalten zu müssen.


Denn manchmal braucht es nicht noch mehr gute Vorsätze, sondern einfach eine andere Herangehensweise.



2. Lernt eure Energie-Hochs und -Tiefs kennen


Nicht zu jeder Tageszeit haben wir gleich viel Energie. Gerade bei ADHS können Phasen im Hyperfokus, Reizüberflutung oder Schwierigkeiten mit Kontextwechseln dazu führen, dass für gemeinsame Aktivitäten kaum noch Kapazitäten übrig bleiben.

Deshalb kann es spannend sein, einmal genauer auf eure unterschiedlichen Energieverläufe zu schauen.


Beobachtet über einige Wochen unabhängig voneinander, wie viel Energie euch im Tagesverlauf zur Verfügung steht. Notiert dazu morgens, mittags und abends auf einer Skala von 1 bis 10, wie voll euer Akku gerade ist.


Warum mehrere Wochen? Weil eine einzelne Woche durch Krankheit, außergewöhnlichen Stress oder andere besondere Umstände geprägt sein kann. Über einen längeren Zeitraum lassen sich wiederkehrende Muster oft besser erkennen.


Vergleicht anschließend eure Beobachtungen: Wann habt ihr beide genügend Energie für gemeinsame Zeit? Was kostet euch besonders viel Kraft? Und was braucht ihr, um nach anstrengenden Phasen wieder miteinander in Verbindung zu kommen?


Vielleicht stellt ihr fest, dass eure Energie-Hochs zu ganz unterschiedlichen Zeiten liegen. Oder dass eine Person nach der Arbeit erst einmal Zeit für sich braucht, während die andere sich direkt gemeinsame Zeit wünscht.


Denn manchmal fehlt es nicht am Wunsch nach Nähe, sondern an der Energie, die gerade dafür zur Verfügung steht.
Eine Frau umarmt ihren Partner von hinten und küsst ihn auf den Kopf. Das Paar befindet sich im Freien vor einer Steinmauer.

Photo by Justin Follis on Unsplash


Unterstützung für euch als Paar


In meiner systemischen Paarberatung schauen wir gemeinsam darauf, welche Muster sich zwischen euch entwickelt haben, welche Rolle ADHS dabei spielen könnte und was ihr braucht, um neue Wege miteinander zu finden. Dabei verbinden wir die Arbeit an eurer Kommunikation und eurem emotionalen Erleben mit praktischen Strategien, die zu eurem Alltag passen.


Dafür braucht ihr keine gesicherte ADHS-Diagnose. Auch wenn ihr vermutet, dass ADHS eine Rolle spielen könnte, können wir gemeinsam auf eure Beziehungsdynamik schauen.


Verstehen schafft Verbindung.

Wenn ihr herausfinden möchtet, ob meine Begleitung zu euch passt, könnt ihr ein kostenloses 15-minütiges Kennenlerngespräch vereinbaren.


Mehr über meine Arbeit erfahrt ihr auf meiner Seite ADHS & Beziehung.


Hinweis: Meine Paarberatung ersetzt keine Psychotherapie oder medizinische Behandlung. Ich stelle keine Diagnosen. Bei akuten Krisen oder Gewalt in der Beziehung wendet euch bitte an geeignete Fachstellen.


Mareike Franklin — Coaching & Paartberatung Systemisch & ADHS-sensibel.




*Namen zum Schutz der Vertraulichkeit geändert. Das Beispiel fasst Inhalte aus mehreren Beratungssitzungen zusammen.


Quellen und weiterführende Literatur


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