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Späte ADHS-Diagnose bei Frauen: Warum sie so häufig übersehen wird

26. Sept.
5 Min. Lesezeit
Junge Frau geht allein eine belebte Straße entlang, Passant:innen im Hintergrund unscharf – Symbolbild für den individuellen Weg zur eigenen ADHS-Diagnose

Foto: Vitaly Gariev / Pexels


Eine späte ADHS-Diagnose bei Frauen kommt häufiger vor, als man denkt. Oft erfahren Betroffene erst im Erwachsenenalter, dass ADHS Teil ihrer Geschichte ist – die Anzeichen waren meist schon lange da, nur wurden sie anders gelesen, übersehen oder kompensiert. Was eine späte Diagnose verändern kann, ist deshalb nicht nur der Blick auf den Alltag, sondern auch auf die eigene Vergangenheit.

Vielleicht kennst du eine dieser Fragen von dir selbst:


„Warum verzettle ich mich ständig, obwohl ich doch alt genug bin, um mein Zeitmanagement endlich im Griff zu haben?“


„Warum schaffe ich es auch als Erwachsene nicht, mich nicht permanent zu überfordern?“


„Warum fange ich ständig neue Dinge an, ohne die alten zu Ende zu bringen?“


„Ich schreibe mir Dinge zum gefühlt 500. Mal nicht auf – und vergesse sie dann natürlich wieder.“


Und irgendwann die Frage, die über allem steht:  Was stimmt nicht mit mir?

So ähnlich ging es auch Marie (Name geändert). Sie ist 42 und bekam ihre eigene ADHS-Diagnose erst 2026. Ihr heute 19-jähriger Sohn lebte zu diesem Zeitpunkt bereits länger mit seiner eigenen ADHS-Diagnose. Diese Fragen kannte Marie da schon lange, ohne je eine Antwort darauf gehabt zu haben.


Viele Frauen stellen sie sich jahre-, manchmal jahrzehntelang, bevor überhaupt der Gedanke an ADHS auftaucht. Das ist kein Zufall. Es hat System.


Viele waren längst im Versorgungssystem unterwegs – beim Hausarzt, bei einer Therapeutin, vielleicht auch bei der Frauenärztin – und trotzdem wurde ADHS nicht erkannt. Stattdessen standen oft Angst oder Depression im Vordergrund, während die eigentliche Ursache dahinter unsichtbar blieb.



Warum sich ADHS bei Frauen anders zeigt


Das liegt zum Teil daran, wie ADHS über Jahrzehnte erforscht wurde. Die Diagnosekriterien wurden überwiegend anhand von Studien mit Jungen entwickelt und überprüft. Schon seit den 1990er-Jahren fordern Fachleute wie die Psychologen Rob McGee und Michael Feehan von der University of Otago, die Diagnoseinstrumente entsprechend anzupassen. Standardisierte Tests und Fragebögen bilden weibliche Symptome dadurch bis heute oft nur unzureichend ab. [3][4]


Wie eine aktuelle Auswertung der AOK Rheinland/Hamburg bestätigt, zeigen Mädchen oft andere, weniger sichtbare Symptome als Jungen. In der Fachliteratur wird das genauer beschrieben: seltener äußere Hyperaktivität, häufiger der unaufmerksame Typ – mit Tagträumerei, langsamerem Arbeitstempo und innerer statt äußerer Unruhe. Diese Ausprägung fällt in der Kindheit dadurch häufig weniger negativ auf als das klassische, hyperaktive Bild. [1][4]


Fachleute vermuten zudem, dass soziale und kulturelle Erwartungen Mädchen eher dazu bringen, Schwierigkeiten nach innen zu verlagern und sich anzupassen, statt sie nach außen zu zeigen. Viele Mädchen finden so früh eigene Wege, zu kompensieren – genauer beobachten, sich stärker anpassen, Fehler im Nachhinein ausbügeln, bevor sie jemand bemerkt. In der Forschung wird das oft als „Masking“ bezeichnet. [2][3]


Masking ist keine Persönlichkeitseigenschaft. Es bedeutet ständige, oft unsichtbare Anpassungsarbeit, die über Jahre sehr viel Energie kosten kann – Energie, die an anderer Stelle fehlt. Das erklärt vermutlich mit, warum laut einer schwedischen Registerstudie Frauen mit ADHS deutlich häufiger als Männer zusätzlich eine Angststörung (50,4 % gegenüber 25,9 %) oder eine Depression (37,5 % gegenüber 19,5 %) entwickeln. [2]


Wer jahrelang die eigene Erschöpfung überspielen musste, gerät irgendwann an eine Grenze, die von außen niemand kommen sieht – weil auch das lange gut überspielt wurde.



Späte ADHS-Diagnosen bei Frauen: ein Trend mit Geschichte


Eine im „Deutschen Ärzteblatt International“ veröffentlichte Studie zeigt: ADHS-Erstdiagnosen bei Erwachsenen in Deutschland sind zwischen 2015 und 2024 um fast 200 Prozent gestiegen, mit einem besonders starken Anstieg seit 2021. [5][6]


Die AOK Rheinland/Hamburg bestätigt diesen Trend speziell für Frauen: Lag ihr Anteil an allen Diagnosen 2014 bei 32,7 Prozent, waren es 2024 bereits 39,4 Prozent. [1]


Ein Grund dafür ist ein historischer Nachholeffekt. Laut der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts erhalten Jungen in der Kindheit etwa dreimal häufiger eine ADHS-Diagnose als Mädchen.


Viele der heute erwachsenen Frauen wurden als Kind schlicht übersehen. [3]

Fachleute führen den Anstieg außerdem auf eine gewachsene gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema zurück, auch über Social Media. Forschende untersuchen diesen Einfluss derzeit noch genauer, statt ihn bereits als alleinige Ursache zu bestätigen. [6]


Häufig sind es zudem ganz konkrete Lebensübergänge, die den Ausschlag geben: Berufseinstieg, Familiengründung, das Großziehen der eigenen Kinder. Solche Phasen lassen Symptome oft erstmals deutlich hervortreten, weil die alten Kompensationsstrategien unter der zusätzlichen Belastung nicht mehr ausreichen. [1]


Manchmal führt der Weg zur eigenen Diagnose, wie bei Marie, auch darüber, dass zuerst beim eigenen Kind eine Diagnose gestellt wird.


Ein weiterer Auslöser ist hormoneller Natur. Wie Kirsten Stollhoff in ihrem Fachartikel für Spektrum der Wissenschaft beschreibt, beeinflusst Östrogen die Verfügbarkeit von Dopamin im Gehirn – demselben Botenstoff, der bei ADHS eine zentrale Rolle spielt. Sinkt der Östrogenspiegel, etwa in der Perimenopause, können ADHS-Symptome erstmals deutlich spürbar werden, auch bei Frauen, die vorher gut kompensiert haben. [4]

Dieses Thema ist so umfangreich, dass es einen eigenen Artikel verdient.



Nach der späten Diagnose: Erleichterung und Trauer zugleich


Für viele Frauen ist der Moment der Diagnose zunächst eine Entlastung. Plötzlich hat etwas einen Namen, das vorher nur als Charakterschwäche gelesen wurde – „zu unorganisiert“, „zu empfindlich“, „zu viel“.


Marie kennt diese Erleichterung. Aber bei ihr kommt noch etwas anderes dazu, über das seltener gesprochen wird: eine Art Trauer.


„Jetzt, wo ich von meiner eigenen ADHS weiß, erklärt sich mir so vieles, auch im Umgang mit meinen Kindern“, sagt sie. „Aber ich wünschte, ich hätte es schon früher gewusst – vielleicht hätte ich dann anders für meinen Sohn da sein können.“


Diese Frage geht bei ihr eng mit Selbstvorwürfen einher, an denen sie gerade arbeitet: dass eine bessere Mutter, andere Entscheidungen oder mehr Verständnis für ihren Sohn möglich gewesen wären.


Eine Diagnose bringt nicht automatisch nur Erleichterung.

Sie kann Erleichterung und Trauer gleichzeitig bedeuten – und beides kann über Jahre hinweg nebeneinander bestehen.


Was sie aber in jedem Fall verändert, ist die Blickrichtung: weg von „Was stimmt nicht mit mir?“ hin zu „Wie funktioniert mein Kopf, und was braucht er wirklich?“



Zur Spezialistin für das eigene ADHS werden


Genau da beginnt für viele Frauen der eigentliche Prozess – nicht mit der Diagnose selbst, sondern danach.


Man muss sich nach einer Diagnose nicht neu erfinden.

Aber man kann zunehmend zur Spezialistin für die eigene Funktionsweise werden. Je genauer man versteht, wie man selbst tickt, desto ruhiger und reibungsloser lässt sich der Alltag gestalten. Das eigentliche Ziel dabei ist weniger, Symptome zu managen, als eine positive Beziehung zur eigenen, ADHS-geprägten Art zu entwickeln, mit der Welt umzugehen.


Bei Marie sieht das heute so aus: Sie fragt sich nicht mehr, warum sie nicht so „gut“ funktioniert wie andere. Sie fragt sich, was sie mit ihrem heutigen Verständnis von sich selbst wirklich leisten kann und welchen Rahmen sie dafür braucht, um nicht ständig an ihre Grenzen zu stoßen.


Deshalb hätte sie ihre Diagnose gern früher erhalten. Nicht, um ihre gesamte Vergangenheit infrage zu stellen, sondern weil sie sich gewünscht hätte, schon früher stärker im Einklang mit ihren Bedürfnissen, Grenzen und Möglichkeiten zu handeln – statt so oft gegen sich selbst zu arbeiten.


Ein neues, liebevolleres Bild von sich selbst zu zeichnen, ist für sie ein längerer Prozess, den sie gemeinsam mit einer Coach angeht. Aber schon kurz nach der Diagnose hat sie gemerkt, dass sich ihr Blick auf sich selbst verändert hat: Er ist sanfter geworden.





Mehr zu meinem ADHS-sensiblen Einzelcoaching findest du hier.

Mareike Franklin — Coaching & Paartherapie. Systemisch & ADHS-sensibel.


Quellenverzeichnis

[1] AOK Rheinland/Hamburg (2026)

ADHS bei Erwachsenen: Zahl der Diagnosen hat sich verdreifacht. Pressemitteilung vom 10. Juli 2026.


[2] GAM Medical (2026)

ADHS bei Frauen: Warum sie so oft übersehen werden. Ratgeber & Fachartikel.


[3] BIG direkt gesund (2025)

Auffällig unauffällig: ADHS-Symptome bei Mädchen – Symptome erkennen & richtig deuten. Gesundheitsratgeber.


[4] Stollhoff, Kirsten (2023)

ADHS: Übersehene Mädchen. Spektrum der Wissenschaft, veröffentlicht am 18. Oktober 2023.


[5] ZDFheute (2025)

Fast 200 Prozent mehr ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen seit 2015. Panorama-Bericht vom 12. Dezember 2025.


[6] Der Tagesspiegel (2025)

Vor allem Frauen betroffen: ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen haben sich verdreifacht. Wissen-Beitrag vom 12. Dezember 2025.




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