Watte im Kopf: Wenn ADHS und PMS sich gegenseitig verstärken
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Wenn du ADHS hast, können bestimmte Phasen im Zyklus verstärken, was du ohnehin kennst: Vergesslichkeit, innere Anspannung, Erschöpfung. Was die Forschung dazu sagt und wie du dich an schwierigen Tagen besser unterstützen kannst.

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Auf einen Blick
Frauen mit ADHS könnten häufiger von ausgeprägten prämenstruellen Beschwerden betroffen sein. Auch bestehende ADHS-Symptome können sich im Zyklus verändern.
In einer britischen Studie zeigten 31,4 % der Frauen, die angaben, eine ärztliche ADHS-Diagnose zu haben, Hinweise auf PMDS – gegenüber 9,8 % in der Vergleichsgruppe ohne ADHS.
Wer die eigenen Muster und Bedürfnisse besser kennt, kann den Alltag gezielter gestalten und Beschwerden bei Bedarf medizinisch abklären lassen.
ADHS vor der Periode: Wenn jemand die Lautstärke aufdreht
Du sitzt vor deinem Rechner. Drei Aufgaben, eigentlich überschaubar. Aber heute weißt du nicht, wo du anfangen sollst. Die Konzentration ist irgendwo, nur nicht da, wo du sie brauchst. Die Geduld auch. Und selbst die Frage, was es zum Abendessen gibt, bringt dich an deine Grenzen.
Dann fällt dir auf: Das war letzten Monat doch ähnlich.
Vergesslichkeit, innere Unruhe oder Schwierigkeiten, Aufgaben anzufangen, kennst du mit ADHS womöglich auch sonst. Doch an manchen Tagen im Zyklus fühlt es sich an, als hätte jemand die Lautstärke deiner ADHS-Symptome noch einmal aufgedreht: die Gedanken wie in Watte gepackt, die Gefühle intensiver, der Geduldsfaden dünner. Vielleicht bist du schneller gereizt, ängstlicher oder dünnhäutiger als sonst.
Das ist nicht bloß Einbildung. Erste wissenschaftliche Untersuchungen zu ADHS und PMS liefern Hinweise darauf, dass Frauen mit ADHS häufiger ausgeprägte prämenstruelle Beschwerden erleben und dass auch ADHS-Symptome im Zyklus schwanken können.
ADHS und PMS: Was sagt die Forschung?
PMS und PMDS sind nicht dasselbe. Das prämenstruelle Syndrom (PMS) kann sich durch Reizbarkeit, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen oder körperliche Beschwerden zeigen. Bei der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) sind die Beschwerden deutlich schwerer und können Alltag, Arbeit und Beziehungen erheblich beeinträchtigen.
Eine britische Studie von 2025 mit 715 Teilnehmerinnen fand einen auffälligen Zusammenhang: Unter den Frauen, die angaben, eine ärztliche ADHS-Diagnose zu haben, zeigten 31,4 % Hinweise auf PMDS. In der Vergleichsgruppe ohne ADHS waren es 9,8 %.
Wichtig: Die Untersuchung verwendete einen Screening-Fragebogen. Die Ergebnisse sind keine bestätigten PMDS-Diagnosen. Sie zeigen aber, warum prämenstruelle Beschwerden bei Frauen mit ADHS mehr Aufmerksamkeit verdienen.

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Was haben Östrogen und Dopamin damit zu tun?
Im Laufe des Zyklus verändern sich die Spiegel von Östrogen und Progesteron. In der zweiten Zyklushälfte und besonders in den Tagen vor der Periode sinkt der Östrogenspiegel deutlich.
Östrogen beeinflusst unter anderem das Dopaminsystem. Dopamin spielt bei Motivation, Aufmerksamkeit und Handlungssteuerung eine Rolle, also bei Prozessen, die bei ADHS ohnehin häufig herausfordernd sind. Sinkt das Östrogen, fällt damit möglicherweise eine Unterstützung weg, auf die ein ADHS-Gehirn besonders angewiesen ist.
Forschende untersuchen deshalb, wie hormonelle Veränderungen ADHS-Symptome beeinflussen könnten. Erste Studien deuten darauf hin, dass manche Frauen vor ihrer Periode stärkere Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit oder Schwierigkeiten mit der emotionalen Regulation erleben.
Die Forschung steht hier noch am Anfang. Frauen waren in der ADHS-Forschung lange unterrepräsentiert, und hormonelle Schwankungen spielten in vielen Studien keine Rolle. Viele der vorhandenen Untersuchungen sind klein, und die genauen Zusammenhänge sind noch nicht ausreichend geklärt. Das Thema bekommt aber zunehmend Aufmerksamkeit: Die meisten der hier zitierten Studien sind erst in den letzten Jahren erschienen.
Warum ADHS gerade bei Frauen häufig erst spät erkannt wird, erfährst du in meinem Artikel „Späte ADHS-Diagnose bei Frauen: Warum sie so häufig übersehen wird“.
Zyklus und ADHS beobachten: Werde zur Expertin für dich selbst
Wenn du weißt, wann deine Konzentration nachlässt, deine Belastbarkeit sinkt oder sich deine Bedürfnisse verändern, kannst du deinen Alltag bewusster darauf einstellen.
Dafür lohnt es sich, die eigenen Erfahrungen über mindestens zwei Zyklen festzuhalten.
Du kannst ein Notizbuch oder eine Zyklus-App verwenden. Notiere täglich kurz:
Zyklustag: Wann beginnt deine Periode?
Konzentration und Energie: Wie leicht fallen dir Aufgaben und Entscheidungen?
Stimmung und Belastbarkeit: Wann bist du schneller gereizt oder erschöpft?
Bedürfnisse: Wann brauchst du mehr Ruhe, Bewegung, Gesellschaft oder Rückzug?
Medikation, falls vorhanden: Nimmst du Veränderungen der Wirkung wahr?
Eine Skala von 1 bis 10 und wenige Stichworte reichen für den Anfang. Wichtig ist, auch die guten Tage zu dokumentieren.
Du kannst wiederkehrende Muster erkennen – oder feststellen, dass es keine eindeutigen gibt. Beides hilft, dein Erleben besser einzuordnen.
Wenn du Beschwerden ärztlich abklären lässt, ist ein tägliches Symptomtagebuch über mindestens zwei Zyklen zudem eine hilfreiche Grundlage. Für die Diagnostik von PMDS ist eine solche Verlaufsbeobachtung besonders wichtig.

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ADHS und PMS im Alltag: Einen Rahmen schaffen, der trägt
Mit deinen Beobachtungen kannst du überlegen, was dich an besonders anstrengenden Tagen entlastet.
Entscheidungen reduzieren. Wenn dir Entscheidungen in einer bestimmten Zyklusphase regelmäßig schwerer fallen, muss der große Wocheneinkauf nicht ausgerechnet dann stattfinden. Zwei vorgeplante Abendessen oder eine Lebensmittellieferung können schon einiges erleichtern.
Puffer schaffen. Drei wichtige Termine, ein übervoller Kalender und ein schwieriges Gespräch sind eine anstrengende Kombination. Wo du Einfluss auf deine Planung hast, kannst du Verpflichtungen besser verteilen oder bewusst Pausen vorsehen.
Unterstützung organisieren. Nicht alles lässt sich verschieben. An solchen Tagen kann es entlasten, sich bekochen zu lassen, Aufgaben abzugeben oder unkompliziert Essen zu bestellen. Auch ein Spaziergang, Schwimmen oder eine Massage können Möglichkeiten sein, sich etwas Gutes zu tun – je nachdem, was dir persönlich hilft.
Grenzen setzen. Manche Tage brauchen weniger: weniger Termine, weniger Reize, weniger Erwartungen, auch an dich selbst. Du darfst Verabredungen absagen oder verschieben, Gespräche vertagen und Nein sagen, ohne das ausführlich begründen zu müssen.
Rückzug erlauben. Eigentlich hattest du dich auf einen Abend mit einer Freundin gefreut. Doch heute sind dir Gespräche und Gesellschaft zu viel. Das ist kein Versagen und keine Unzuverlässigkeit. Prämenstruelle Beschwerden wie Erschöpfung und Reizbarkeit können zu einer ohnehin hohen Belastung hinzukommen. Wenn sich dein Bedürfnis nach Nähe, Austausch oder Ruhe verändert, ist Rückzug eine Form, gut für dich zu sorgen.
Sagen, was in dir los ist. Wenn du deine Muster kennst, fällt es leichter, sie in Worte zu fassen, zum Beispiel so:
„Ich merke, dass ich gerade schneller überfordert bin. Ich brauche heute Ruhe. Lass uns morgen in Ruhe darüber sprechen.“
Das ist keine Entschuldigung und keine Rechtfertigung, sondern eine Information. Du musst dich weder zusammenreißen noch verstellen, um deine Bedürfnisse ernst nehmen zu dürfen. Wenn du mitteilen möchtest, was gerade in dir los ist, kann das anderen helfen, dich besser zu verstehen. Wie viel du teilst und mit wem, entscheidest du.
Und natürlich lässt sich nicht jeder Tag im Voraus planen. Entscheidend ist, Spielräume zu erkennen und einen Rahmen zu schaffen, der dich auch an Tagen trägt, an denen alles mehr Kraft kostet.
ADHS und PMS in der Partnerschaft
Wenn du in einer Partnerschaft lebst, kann es entlasten, deine Beobachtungen dort zu teilen. Nicht, damit du für dein Gegenüber leichter zu handhaben bist, sondern weil ihr beide damit lebt. Verständnis ist keine Einbahnstraße, und die Verantwortung liegt nicht bei dir allein.
Wie unterschiedlich Verhalten unter Belastung in einer Beziehung wahrgenommen werden kann und warum dabei schnell Missverständnisse entstehen, beschreibe ich auch in meinem Artikel „ADHS in der Partnerschaft: Warum Absicht und Wirkung im Alltag so oft auseinanderliegen“
Wenn du Partner bist: Du musst den Zyklus deiner Partnerin nicht „managen“ und nicht alles auffangen. Aber du kannst viel dazu beitragen, dass schwierige Tage für euch beide leichter werden.
Verstehen statt bewerten: Wenn sie vergesslicher, gereizter oder schneller erschöpft ist, steckt dahinter nicht automatisch mangelnder Wille oder fehlender Einsatz.
Interesse zeigen, ohne zu kontrollieren: Frag nach, was sie gerade braucht. Ob und wie sie ihren Zyklus mit dir teilt, entscheidet sie.
Signale ernst nehmen: Wenn sie Ruhe braucht, ist das nicht automatisch eine Zurückweisung. Respektiere ihren Wunsch nach Rückzug, ohne eine Rechtfertigung einzufordern.
Entlastung anbieten, ohne dass sie fragen muss: Das Abendessen übernehmen, das Wochenende ruhiger planen. Kleine Dinge machen oft den größten Unterschied.
Konflikte vertagen dürfen: Wichtige Themen lassen sich oft besser an Tagen klären, an denen ihr beide mehr Spielraum habt.
Auch auf dich achten: Deine Bedürfnisse zählen ebenfalls. Sprecht darüber in einem ruhigen Moment, nicht mitten in der schwierigen Phase.
Am hilfreichsten ist es, wenn ihr das Thema als etwas Gemeinsames seht: ein Muster, das ihr zusammen kennenlernt und für das ihr eure eigenen Wege findet.

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Wenn ADHS-Medikamente vor der Periode weniger wirken
Auch die wahrgenommene Wirkung von ADHS-Medikamenten kann sich verändern.
In einer kleinen niederländischen Fallserie aus dem Jahr 2023 berichteten neun Frauen mit ADHS, dass ihre Stimulanzien vor der Menstruation nicht mehr ausreichend wirkten. Unter einer zeitweisen, ärztlich begleiteten Dosisanpassung beschrieben alle neun eine Verbesserung ihrer Beschwerden.
Das ist ein interessanter erster Forschungsansatz, aber aufgrund der kleinen Fallzahl noch kein Nachweis für eine allgemein geeignete Behandlung.
Wenn du solche Veränderungen bemerkst, dokumentiere, wann sie auftreten, welche Symptome sich verstärken und wie du die Medikamentenwirkung erlebst. Diese Informationen kannst du zum nächsten Gespräch mit deiner behandelnden psychiatrischen Fachperson mitnehmen.
Ändere deine Medikation nicht eigenständig.
Wann medizinische Unterstützung sinnvoll ist
Starke prämenstruelle Beschwerden lassen sich nicht immer durch eine andere Alltagsplanung ausreichend lindern.
Eine gynäkologische Praxis kann PMS, PMDS und mögliche andere Ursachen abklären. Bei auffälligen Veränderungen deiner ADHS-Symptome oder der Medikamentenwirkung ist deine behandelnde psychiatrische Fachperson eine geeignete Anlaufstelle. Auch hausärztliche Praxen können bei unklarer Erschöpfung oder zusätzlichen Beschwerden unterstützen.
Für ausgeprägte PMS- und PMDS-Beschwerden stehen medizinisch untersuchte Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Welche davon sinnvoll sind, muss individuell fachlich geklärt werden.
Wenn du in dieser Phase sehr dunkle Gedanken hast oder dich hoffnungslos fühlst, warte nicht bis zum nächsten Termin. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (Deutschland), 142 (Österreich), 143 (Schweiz). In akuten Notfällen wähle die 112.
Fazit: Deinen eigenen Rhythmus besser verstehen
Je besser du deine eigenen Muster und Bedürfnisse kennst, desto gezielter kannst du deinen Alltag gestalten. Du erkennst, wann du mehr Pausen brauchst, welche Anforderungen dich besonders belasten und wo Unterstützung sinnvoll ist.
Es geht darum, zur Expertin für dich selbst zu werden und Bedingungen zu schaffen, die zu deinem Kopf, deinem Körper und deinen Bedürfnissen passen.
Nicht noch mehr Disziplin. Sondern mehr Selbstverständnis und ein Rahmen, der dich auch an schwierigeren Tagen trägt.
Wie ADHS-Coaching dich dabei unterstützen kann
Die eigenen Muster zu erkennen, ist ein erster Schritt. Eingespielte Gewohnheiten zu verändern, Grenzen zu setzen und passende Strukturen im Alltag zu entwickeln, kann eine weitere Herausforderung sein.
Im ADHS-sensiblen Coaching schauen wir gemeinsam darauf, was dich regelmäßig belastet, welche Bedürfnisse dahinterstehen und wie du deinen Alltag so gestalten kannst, dass er dich besser unterstützt. Nicht, um für andere reibungsloser zu "funktionieren", sondern um gut mit dir selbst umzugehen. Und wenn du in einer Partnerschaft lebst, kann auch ein gemeinsamer Blick im Paarcoaching entlasten.
Verstehen schafft Verbindung.
Hinweis: Ich bin systemische Coachin, keine Ärztin. Dieser Artikel bereitet wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich auf und verbindet sie mit Perspektiven aus dem Coaching. Er dient der Information und Orientierung und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung.
Mareike Franklin — Coaching & Paartberatung Systemisch & ADHS-sensibel.
Quellen & Literatur
Increased risk of provisional premenstrual dysphoric disorder (PMDD) among females with ADHD: cross-sectional survey study (2025), British Journal of Psychiatry.https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7617793/
ADHD and Sex Hormones in Females: A Systematic Review (2025), Journal of Attention Disorders.https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12145478/
Roberts, Eisenlohr-Moul & Martel (2018): Reproductive Steroids and ADHD Symptoms Across the Menstrual Cycle, Psychoneuroendocrinology.https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5803442/
de Jong et al. (2023): Female-specific pharmacotherapy in ADHD: premenstrual adjustment of psychostimulant dosage, Frontiers in Psychiatry.https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10751335/
American College of Obstetricians and Gynecologists (2023): Management of Premenstrual Disorders.https://www.acog.org/clinical/clinical-guidance/clinical-practice-guideline/articles/2023/12/management-of-premenstrual-disorders





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